Eigentlich ist Apple für sein Fingerspitzengefühl bekannt. Bei der Vorstellung des iPhone 12 hat der US-Konzern aber maßlos überzogen. In diesen verrückten Zeiten fehlt vor allem an eins: Demut. 

 

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Kritik ist immer ein heikles Thema. In jeder Buchhandlung findet man Regale voller Ratgeber, die sich einzig und allein darum drehen, wie man Kritik klug und konstruktiv verpackt. Einer der Standard-Tipps, die dabei immer genannt werden: Zunächst mit Lob beginnen, erst im Anschluss auf das Negative zu sprechen kommen.

Apple stellt iPhone 12 vor: Eine Parade der Peinlichkeiten

Deshalb erst das Positive am iPhone-12-Event: Es war wieder einmal eine hollywoodreife Inszenierung, die in dieser Form offenbar nur Apple hinbekommt. Kein Vergleich zu den Amateur-Shows, mit denen andere Branchengrößen in letzter Zeit „geglänzt“ haben. In Corona-Zeiten ist das wirklich eine Kunst. Das bedeutet aber nicht, dass die aufgezeichnete Veranstaltung frei von Fremdschäm-Momenten war – im Gegenteil.

Mit dem Pathos und den Spezialeffekten hat völlig Apple übertrieben. Der Konzern ist komplett übers Ziel hinausgeschossen. Teilweise wirkte es so, als sei Apple ein 12-jähriger Schüler, der zum ersten mal ein Referat in PowerPoint erstellen muss und jede Folie mit unzähligen Animationen bestückt, die „cool“ wirken sollen. Der Höhepunkt dieser Parade der Peinlichkeiten war dann die Vorstellung des iPhone 12 Pro, das in übermenschlicher Größe mit einem Lichtstrahl vom Himmel eingeführt wurde.

Als ich das Zuhause am Fernseher sah, dachte ich mir spontan: „Ist das ein neues Handy oder ist Jesus auf die Erde zurückgekehrt?“ Die pompöse Musik und ein Tim Cook, der seine Hände ständig wie ein Priester zusammenfaltete, taten da ihr übriges.

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Das iPhone 12 Pro in allen Farben: 

iPhone 12 Pro (Max) von Apple erklärt

iPhone 12 ist toll – aber nur ein Handy

Am iPhone 12 (Pro) habe ich nichts auszusetzen. Es besitzt ein schönes neues Design, unterstützt jetzt 5G, hat den leistungsfähigen A14-Prozessor unter der Haube, die Kamera wurde sinnvoll verbessert und vieles mehr. Ein gutes Update und wahrscheinlich ein größerer Sprung als vom iPhone Xs zum iPhone 11 Pro. Käufer werden daran mit Sicherheit ihren Spaß haben. Aber vor allem dieses verrückte und traurige Jahr 2020 sollte uns doch Demut gelehrt haben und die Dinge in den richtigen Relationen zu sehen. Die Welt kämpft mit einer Jahrhundert-Pandemie und Millionen Menschen gehen gegen Rassismus und für echten Klimaschutz auf die Straße. Hier wirkt Apples überzogene iPhone-12-Show wie aus der Zeit gefallen. Denn am Ende des Tages ist auch das neue iPhone bloß ein Handy und man muss bei der Präsentation nicht so tun, als würde jetzt eine neue Zeitrechnung beginnen.

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