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HyperOS könnte der Aufbruch sein, den Xiaomi-Smartphones dringend brauchen

Das Xiaomi 13T Pro nutzt MIUI, könnte aber schon bald ein Update auf HyperOS erhalten. (© GIGA)

Feature-Wildwuchs, Einstellungs-Wirrwarr und jede Menge Bloat: Der größte Schwachpunkt aktueller Xiaomi-Smartphones ist ihre MIUI-Software. Xiaomi hat es mit dem frisch angekündigten HyperOS in der Hand, das zu ändern – wenn der Konzern auch die eigenen hausgemachten Probleme angeht. Eine Bestandsaufnahme.

 
Xiaomi
Facts 

Unter dem Schlagwort „Eye Candy“ raunten Smartphone-Enthusiasten in Foren wie XDA-Developers schon Anfang der Zehnerjahre von einer Custom ROM, die Android-Geräte fast genauso aussehen und funktionieren lassen konnte wie ein iPhone – Schlagschatten-Schriften und skeuomorphe Icons inklusive. MIUI (ausgesprochen Mi-Ju-Ei) hieß die Software, die zwar auf Android fußte, aber enorme Änderungen an Aussehen und Funktionalität an der Software-Basis vornahm. MIUI erarbeitete sich schnell eine kleine, aber eingefleischte Fanbasis.

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Der Rest ist Geschichte: Die Custom ROM bereitete den Weg für ein Unternehmen – Xiaomi. Die Firma, deren Name sich aus der Mandarin-Vokabel für Hirse herleitet, produzierte immer besser werdende und trotzdem günstige eigene Smartphones, breitete sich bald aber auch in anderen Nischen aus.

Xiaomi hat viele Produktarten, aber der Kernmarkt leidet

Neben Smartphones steht der Name Xiaomi heute für Küchengeräte und Smart-Home-Produkte, Wearables, elektrische Roller und zahllose andere smarte Gadgets. Die Firma steht für ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und ist eine feste Größe in der Welt der Elektronik – die aktuell sogar auf den zukunftsträchtigen Markt der Elektroautos schielt.

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Im Kerngeschäft Smartphones herrscht für Xiaomi jedoch seit Jahren Stagnation. Und das, obwohl der Hersteller längst auch im High-End- und Ultra-Premium-Markt mitmischt – Top-Komponenten und eine Zusammenarbeit bei den Kamera-Modulen mit der Wetzlarer Traditionsfirma Leica inklusive.

Das mag einerseits mit der aktuellen „Gesundschrumpfung“ des Marktes zusammenhängen, unter der alle Player mehr oder weniger leiden. Die Leistungsfähigkeit von Smartphones macht von Jahr zu Jahr nicht mehr so gigantische Schritte wie früher, auch das Geld sitzt bei den Konsumenten aufgrund der krisengebeutelten Wirtschaftslage längst nicht mehr so locker. In Folge nutzen Menschen ihre Smartphones länger. Das ist gut für die Umwelt – aber schlecht für ein gewinnorientiertes Unternehmen wie Xiaomi.

Chance nicht genutzt

Praktisch über Nacht machten Sanktionen der US-Regierung gegen das chinesische Konkurrenzunternehmen Huawei im Jahr 2019 für westliche Smartphone-Märkte bedeutungslos. Xiaomi hätte diese Lücke füllen können und als „das neue Huawei“ mit Samsung und Apple um Platz 1 in Europa konkurrieren können. Die Chancen standen gut, nur geklappt hat’s nicht. So lag der Marktanteil von Xiaomi auf dem deutschen Markt im August zum Beispiel nur noch bei 7 % (Quelle: Statista). Was sind die Gründe dafür?

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Neben einer undurchsichtigen Markenstrategie – Xiaomi veröffentlicht nicht nur unter eigenem Label, sondern auch unter den Sub-Brands Redmi, Poco und Black Shark – dürfte die Produktpolitik eine Rolle spielen. Xiaomi veröffentlicht seit Jahren neue Smartphone-Modelle am Fließband – so zum Beispiel listet die Geräte-Datenbank von GSMarena allein 18 verschiedene Modelle der „Redmi Note 11“-Serie. Auch bei den Flaggschiffen herrscht Wirrwarr: Wo liegt der Unterschied zwischen den allesamt 2023 herausgebrachten Xiaomi-Modellen 13, 13 Pro, 13 Lite, 13T, 13T Pro und 13 Ultra? Da die Übersicht zu bewahren ist schon für Pressevertreter wie uns herausfordernd, von potentiellen Kunden ganz zu schweigen. Der Eindruck, dass Xiaomi auf Gerätemasse statt -klasse setzt, drängt sich einfach auf.

Die Xiaomi-Smartphones haben in der Regel ein tolles Preis-Leistungsverhältnis. Sie besitzen gute Displays, Akkus laden rasend schnell, die Kameras sind zwar nicht führend, aber totzdem gut – und die Preise fair. Aus unseren jüngeren Testberichten zu Smartphones der Firma, etwa dem Xiaomi 12T Pro (Test) und dem Xiaomi 13 Pro (Test) sticht aber ein großer Kritikpunkt hervor: die Software. Denn MIUI ist in der aktuellen Version 14 überfrachtet, leidet an Altlasten aus über einer Dekade Software-Evolution, und fühlt sich fast schon ostentativ an Bedürfnissen der Kunden vorbei entwickelt an.

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MIUI ist eine Bürde

So verfängt die Strategie, sich im Design weiter an iOS zu orientieren, heute nicht mehr, zumindest in westlichen Märkten. Ein standardmäßig abgeschalteter App-Drawer, der für ein Chaos aus Widgets und App-Icons auf dem Homescreen sorgt, ist da fast noch das geringste Übel. Deaktivierte Standards wie der Doppelklick auf die Powertaste, um die Kamera schnell zu starten und nutzlose Feature-Ergänzungen wie der RAM-Booster sind weitere Kritikpunkte.

Zwar lassen sich die genannten Funktionen in den Einstellungen ein- beziehungsweise ausschalten, aber auch die verschachtelte Menüstruktur von MIUI überfordert gerade Anfänger und Laien. Ein Beispiel: Will man den ungefragt aktivieren Game Booster ausschalten, findet man die entsprechende Einstellung in der App „Sicherheit“ – wenn man sie findet wohlgemerkt. Wichtig: Die App „Sicherheit“ ist gemeint, nicht das Einstellungsmenü „Sicherheit und Notfälle“ und auch nicht „Sicherheit und Datenschutz“. An der miserablen Struktur der Settings, aber auch an vielen kleinen Bugs und Übersetzungsfehlern wird deutlich: Es fehlt an der Liebe zum Detail, die etwa Apples iPhone-Betriebssystem auszeichnet.

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Die MIUI-Software ist mit Bloatware überfrachtet. Wer 500 Euro oder mehr für ein Smartphone ausgibt, sollte nicht händisch die booking.com-App und zahllose andere Anwendungen manuell von seinem Smartphone löschen müssen, bevor sie oder er es richtig nutzen kann. Richtiggehend bizarr ist die Browser-Situation: Neben Chrome sind auch der firmeneigene Mi-Browser und Opera auf Xiaomi-Telefonen vorinstalliert.

Als ich unlängst das Xiaomi 13 Pro einschaltete, blickte mir unaufgefordert Donald Trump Rod Stewart entgegen. Soll heißen: Werbung auf dem Lockscreen eines Smartphones, das 800 Euro kostet. (Bildquelle: GIGA)

Schließlich hat Werbung einen festen Platz auf dem Lockscreen, sofern man diese nicht bewusst deaktiviert. Überdies befinden sich in System-Apps wie dem Datei-Explorer, der Theme-App und der Galerie noch fragwürdige Optionen zum Ausschalten von Werbung und Telemetrie. Unabhängig davon, was diese Apps tatsächlich machen – allein das Vorhandensein solcher Dinge in essentiellen System-Apps zerstört Vertrauen, gerade im datenschutzsensiblen Deutschland.

Natürlich kann man Einstellungen anpassen und sich mit MIUI arrangieren – wir haben zu diesem Zweck eine Anleitung veröffentlicht, wie man sein Xiaomi-Telefon „gesundkonfiguriert“.

Diese Einstellungen solltet ihr bei eurem Xiaomi-Smartphone unbedingt ändern
Diese Einstellungen solltet ihr bei eurem Xiaomi-Smartphone unbedingt ändern Abonniere uns
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Das eigentliche Problem wird davon aber nicht berührt, denn Enthusiasten und Entscheider – das stelle ich nicht zuletzt in Gesprächen mit Pressekollegen immer wieder fest – kaufen überwiegend Smartphones von Apple, Google oder Samsung, selten jedoch von Xiaomi. Und sie empfehlen diese auch nicht weiter. Die Software-Erfahrung ist ein wesentlicher Grund dafür.

Europa funktioniert anders als China

Es gibt große Unterschiede zwischen den Vorlieben westlicher und asiatischer Märkte in puncto Smartphone-Software. Dass andere chinesische Marken wie Oppo/Vivo (ColorOS), Huawei (HarmonyOS/EMUI) und Honor (MagicOS) einen ähnlichen Weg wie Xiaomis MIUI eingeschlagen haben, ist ein deutlicher Beleg dafür. Erst einmal ist das wertfrei zu betrachten. Es bedeutet aber im Umkehrschluss, dass Xiaomi für Europa in Sachen Software einen anderen Weg einschlagen muss.

Umso erfreulicher die Ankündigung Xiaomis, dass man in Zukunft auf eine völlig neu gestaltete Software namens HyperOS setzen wolle. MIUI dreht mit Version 15 noch eine letzte Ehrenrunde und ist dann ab 2024 wohl Geschichte. Das weckt Neugier. Und ja, auch Hoffnung.

Bekannt ist zu HyperOS noch nicht viel. Wir wissen aber, dass Xiaomi im weiter auf eine Android-Basis setzt. Ein Fokus von HyperOS soll die Verknüpfung mit und Einbindung von anderen Produktgattungen sein, vor allem im Bereich Smart-Home/IoT. Ebenfalls wichtig: HyperOS soll als Oberfläche auch auf anderen Geräteklassen, etwa im Bereich E-Auto, zum Einsatz kommen.

Strategisch liegt der Sinn dieser Strategie auf der Hand, die Hoffnung ist aber auch, dass Xiaomi im Zuge dessen die notwendigen Vorkehrungen trifft, damit die eigenen Smartphones endlich „Europa-kompatibler“ werden.

Was HyperOS besser machen sollte

Weil zu HyperOS noch so wenig bekannt ist, habe ich die Möglichkeit, auf der „grünen Wiese“ ein Wunschkonzert zu geben. Die ebenfalls verbesserungswürdige Produktpolitik habe ich hier außen vor gelassen, es geht erst einmal nur um die Software. Das sind meine 6 Wünsche an HyperOS:

  • Vanilla Android statt iOS als Design-Vorbild
  • Verzicht auf Bloatware, Abschaffung von App-Dopplungen
  • Neustrukturierung und Vereinfachung der System-Einstellungen
  • vernünftige Defaults und Verzicht auf unnötige Features
  • Verzicht auf Telemetrie und Werbung in Betriebssystem und System-Apps
  • konsequente Update-Versorgung über mindestens 4 Jahre hinweg, auch für günstigere Modelle

Um noch einmal ganz klar zu sagen: Ich habe keine Ahnung, wie HyperOS aussehen und funktionieren wird, ich beschreibe hier nur mein Wunschdenken. Aber sollte HyperOS tatsächlich Verbesserungen in den genannten Bereichen enthalten, wäre schon viel erreicht. Auf diese Weise könnte Xiaomi meines Erachtens Vertrauen und in Folge auch wieder Marktanteile gewinnen – sicher nicht sofort, aber mittelfristig.

Dass dieser Ansatz nicht aus der Luft gegriffen und realisierbar ist, zeigt zum Beispiel Nothing. Die Firma hat mit ihrem NothingOS bewiesen, dass man eine schlanke und performante Android-Variante schaffen kann, die trotzdem eine eigene visuelle Identität aufweist. Carl Pei, der CEO von Nothing, hat nämlich recht, wenn er sagt: Vertrauen muss man sich erarbeiten – gerade in Deutschland.

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