Tempow: Wie mir ein französisches Startup den Glauben an Bluetooth zurückgab

Frank Ritter 2

Bluetooth ist praktisch – kann manchmal aber auch ganz schön unbequem sein. Vor allem bei der Audio-Übertragung lässt der Drahtlosstandard noch viele Wünsche offen. Das französische Unternehmen Tempow will Bluetooth jetzt Beine machen und hat mit TAP ein eigenes Software-Protokoll entwickelt, das viele Mängel von Bluetooth ausmerzen soll. Im Rahmen der IFA 2018 konnten wir uns einen Eindruck davon verschaffen – und waren beeindruckt. 

Tempow TAP: Die Zukunft von Bluetooth Audio?

Zeiten großer Innovationen sind vorbei – oder doch nicht?

Hört man sich unter Journalisten, Bloggern und YouTubern, aber auch Presse- und PR-Leuten um und fragt nach Highlights einer Messe wie der aktuell laufenden IFA 2018, erntet man meist ein Schulterzucken. Die Zeiten der großen Innovationen sind vorbei, insbesondere im Bereich der Smartphones. Gut genug für den Alltag sind selbst Geräte der Einsteigerklasse, Verbesserungen zwischen den Generationen sind winzig, das nächste große Ding lässt auf sich warten. Stattdessen verpacken die Hersteller Neuerungen als Innovationen, die zum Schluss kaum mehr sind als Variationen im Design – randarme Gehäuse, Notches und Edge-Displays seien hier genannt. Im besten Fall lassen sie Geräte interessanter erscheinen, im schlimmsten Fall stören sie aber sogar im Alltag. Den eigentlichen Zweck von Innovation als solcher erfüllen sie so oder so nicht. Der da wäre: Das Leben der Nutzer besser zu machen, Probleme zu lösen.

Umso schöner, wenn man mal auf jemanden trifft, der bestehende Probleme frontal attackiert. Das Startup Tempow ist so ein Fall. Im Rahmen der IFA 2018 zeigten uns die Franzosen (Video oben), wie sie die Möglichkeiten von Bluetooth ausloten, um Probleme zu lösen – Probleme, die man gar nicht als solche realisiert, weil wir uns an die Limitierungen von Bluetooth-Audio so gewöhnt haben.

Rückblende: Neunzigerjahre, ein Autorücksitz, eine stundenlange Fahrt. Zwei Kinder sitzen da, zwischen ihnen liegt ein Walkman. Im Walkman eine senfgelbe Drei-Fragezeichen-Kassette. Beide Kinder hören über jeweils eigene Kopfhörer zu. Möglich macht’s: Ein Y-Stecker für die Klinkenbuchse. Und heute? Haben wir Smartphones mit Zugriff auf fast jedes Musikstück, kaum fassbarer Rechenleistung, haben uns fast aller Kabel entledigt. Und dennoch können wir keine zwei unterschiedlichen Lautsprecher oder Kopfhörer parallel mit Musik versorgen. Warum eigentlich nicht? Technisch sollte das doch kein Problem sein – einzelne Insellösungen, um Bluetooth-Speaker bestimmter Hersteller zusammenzuschalten, existieren schließlich bereits seit Jahren.

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Tempow Audio Profile (TAP): Bluetooth neu gedacht

Fragt man die Leute von Tempow, sagen sie, dass die Hersteller von Smartphones und Chipsets – etwa Qualcomm, Samsung oder MTK – nicht daran interessiert seien, die „klassische“ Bluetooth-Verbindung zwischen zwei Geräten aufzubrechen und auf mehr Geräte auszudehnen. Dass sie andere Prioritäten hätten. Das war eine Lücke, ein reales Problem. Tempow hat sich daher vor drei Jahren selbst dieser Sache angenommen. Man programmierte ein eigenes Software-Protokoll: das Tempow Audio Profile (TAP), das auf den technischen Möglichkeiten aufbaute, die Bluetooth mitbringt. Mit diesem ist es ohne Weiteres möglich, Audio an mehr als ein externes Soundgerät auszugeben. Wohlgemerkt: Ohne den Bluetooth-Standards zu widersprechen. Und ohne zusätzliche Hardware.

An dieser Stelle hört TAP nicht auf, denn wenn man erst einmal auf den Möglichkeiten herumdenkt, die multiple Bluetooth-Verbindungen zulassen, kommt man schnell auf weitere Anwendungsfälle. So ist es beispielsweise auch möglich, Speaker verschiedenen Soundausgabe-Kanälen zuzuweisen. Während des Abspielens eine zweite Bluetooth-Box hinzufügen, der ersten Box den linken Stereo-Kanal zuweisen, der zweiten den rechten? Klappt. Und eine weitere Box, um den Bass zu verstärken. Zusätzlich kann man Effekte verstärken – mehr Bass gefällig? Ein deutlicherer Stereo-Effekt wird gewünscht? Alles kein Problem. Noch cooler: Spielt man eine Videodatei mit mehreren Sprachspuren ab, können Kopfhörer diese getrennt voneinander wiedergeben. Das heißt: Nie wieder streiten, ob man die synchronisierte oder die Originalfassung schauen soll, auch wenn das gemeinsame Fernsehschauen zugegebenermaßen kein so soziales Erlebnis ist, wenn man Kopfhörer trägt. Und es gibt noch weitere Konzepte: Telefonkonferenzen über ein Smartphone mit mehreren Headsets, Multiplayer-Karaoke-Apps.

Was TAP besonders macht, ist das dynamische Anpassen der Bandbreite, die bei Bluetooth naturgemäß beschränkt und von äußeren Umständen abhängig ist. Wird die Verbindung schlechter, muss die Audioqualität so angepasst werden, dass es nicht zu Verzögerungen oder Aussetzern kommt, die wahrgenommene Audioqualität aber möglichst gleich bleibt. Ein Problem, das Tempow gemeistert hat: Bis zu 4 Lautsprecher oder Headsets kann man ohne Probleme koppeln. Keine geringe Leistung, wenn man bedenkt, wie viele Geräte schon mit einem einzigen gekoppelten Bluetooth-Gerät Probleme haben.

Warum die Integration von TAP so lange dauert

Ein erster Erfolg: 2017 konnte Tempow Lenovo als Partner gewinnen, das Moto X4 war das erste Gerät, das dank TAP per Bluetooth mehrere Geräte mit Sound versorgen konnte. Bislang ist es das einzige.

Warum haben nicht mehr Geräte mittlerweile TAP integriert? Leider ist das nicht so einfach wie eine App zu installieren. Wenn man TAP nutzen möchte, muss das sendende Gerät, also zum Beispiel ein Smartphone, auf Firmware-Ebene modifiziert werden. Das sind zum einen Modifikationen am Bluetooth-Treiber. Und weil verschiedene Android-Versionen zudem unterschiedlich mit Bluetooth umgehen, macht es eben auch einen Unterschied, ob Android Nougat, Oreo oder Pie auf dem Smartphone läuft.

Tempows Bluetooth-Protokoll: Das kommt in Zukunft

Auf der IFA 2018 zeigt Tempow eine weitere Neuerung: Das „TAP smart“-Protokoll. Mit bis zu vier per Bluetooth und WLAN parallel gekoppelten Lautsprechern wird man Voice-Assistants, die beispielsweise Google Assistant oder Amazon Alexa integriert haben, erweitern und aus größerer Distanz aktivieren können. Weil immer mehr Bluetooth-Speaker eingebaute Mikrofone haben und trotzdem deutlich preisgünstiger sind als ein Echo oder Google Home, soll man auf diese Weise flexibler sein, seinen Sprachassistenten in viel mehr Räumen haben – Multiroom-Audio, Stereo- oder Surround-Sound inklusive.

Das klingt alles ziemlich cool und lässt darauf hoffen, dass TAP und TAP smart in mehr Geräte integriert werden. Währenddessen forscht Tempow weiter, versucht mit Bluetooth LE zu arbeiten, will Audio über Mesh-Netzwerke übertragen. Man führe bereits Gespräche, Kandidaten konnte uns Tempow allerdings nicht nennen. Zeit wird’s jedenfalls, dass Bluetooth mehr Variabilität und Flexibilität erhält. Damit auch die Kinder auf meiner Auto-Rückbank wieder gemeinsam per Kopfhörer in ihre Hörbücher versinken können.

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