Hinter der sperrigen Modellbezeichnung „WH-1000XM4“ verbirgt sich ein atemberaubendes Technikwunder. GIGA-Audioexperte Stefan hat Sonys besten kabellosen Kopfhörer mit Noise Cancelling ausgiebig getestet und einen neuen Favoriten für sich entdeckt.

 

Sony WH-1000XM4

Facts 

Sony WH-1000XM4 im Test: Fazit

Es ist schon seltsam: Der selbe Konzern, der so einleuchtende Namen wie „Playstation 5“ vergibt (ja genau, das ist die 5. Generation der Playstation), nennt seinen neuen ANC-Kopfhörer völlig ironiefrei „WH-1000XM4“. Das lang erwartete Topmodell hat eine Bezeichnung, wie man sie bei Waschmaschinen und Mainboards vorfindet – dass sich Sony hier nichts besseres einfallen lässt, wird wohl so manchen Marketingmanager bei der Konkurrenz zum Schmunzeln bringen.

Die dortigen Ingenieure haben hingegen nichts zu lachen. Bei Bose, Beyerdynamic und Sennheiser, aber auch bei Apple (Beats) und Samsung (AKG, JBL) – überall wird man zähneknirschend voller Bewunderung anerkennen müssen, dass Sony mit diesem Modell ein ganz großer Wurf gelungen ist. Das ist eines dieser drei, vier Produkte im Jahr, bei denen man während der Nutzung mit dem Kopf nickt und sich sagt: „Genau so muss das sein.“

Der Klang ist exzellent. Der hohe Tragekomfort eignet sich für stundenlanges Musikhören. Die Funktionsvielfalt ist zwar erschlagend, aber durchaus nützlich. Und zu guter Letzt: Das Noise Cancelling (ANC) ist nicht weniger als die neue Messlatte in dieser Disziplin.

Der direkte Vorgänger Sony WH-1000XM3 (ah, daher kommt der Name!) war bereits wegweisend und bleibt weiterhin einer der besten ANC-Kopfhörer, die man sich holen kann (siehe GIGA-Test). Beim WH-1000XM4 hat Sony auf einige der noch offenen Wünsche und Vorschläge der Kundschaft gehört und konsequent die nächsten Schritte in Richtung Perfektion gemacht. Viel Luft nach oben ist da nicht mehr übrig – zumindest nicht beim heutigen Stand der Technik. Wie man einen noch besseren Noise-Cancelling-Kopfhörer in dieser Preisklasse (oder auch darüber) baut, das dürfen jetzt Sonys Marktbegleiter austüfteln. Na, das wird eine „besondere Herausforderung“ – um es mal vorsichtig auszudrücken.

Gewonnen haben am Ende wir, die lieben Verbraucher. Auch wenn der Sony WH-1000XM4 mit 379 Euro (UVP) so manches Budget überstrapazieren könnte – dieser Kopfhörer ist es wert. Für Vielreisende ist der WH-1000XM4 ein astreiner Pflichtkauf, für alle anderen mindestens ein doppelt unterstrichener Eintrag auf dem Weihnachtswunschzettel.

Vorteile:

  • Noise Cancelling (ANC) der Spitzenklasse, blendet Umgebungslärm effektiv aus
  • sehr gut abgestimmter Klang mit kräftigem Bass und klaren Höhen
  • Gut verarbeitet, angenehm zu tragen
  • Zahlreiche nützliche Funktionen (z.B. Trageerkennung)
  • Erleichtert dank Multipoint Bluetooth den Wechsel zwischen mehreren Zuspielern

Nachteile:

  • die vielen Features und deren Steuerung lassen überforderte Benutzer schnell zur Bedienungsanleitung greifen
  • Software: Für den vollen Funktionsumfang muss man die mittelmäßige Smartphone-App installieren
  • unterstützt kein aptX und aptX HD
Sony WH-1000XM4

Sony WH-1000XM4

Sony WH-1000XM4 im Test: Wertung

  • Klang: 9/10
  • Tragekomfort: 9/10
  • Hardware, Design & Funktionen: 10/10
  • Akku: 9/10

Gesamt: 9.3 / 10

Klang: Sony kann es einfach

Der Sony WH-1000XM4 gibt Songs etwas kräftiger gewürzt wieder, aber ohne dabei gleich zu übertreiben. Der Bass ist satter und dominanter als bei ultraneutralen Studiokopfhörern, was sich etwa bei Yung Hurns kontroversen „Ponny“ zeigt. Der vor allem aus Luft bestehende Beat lebt vom Wechselspiel zwischen fetter Bassdrum und tänzelnden Hi-Hats – der WH-1000XM4 macht hier alles richtig und sorgt so für angemessenen Hörspaß. Der Kopfhörer kann aber auch die „Wall of Sound“, wie sich bei „Wouldn't It Be Nice“ (The Beach Boys) zeigt: Stimmen und Instrumente werden sauber aufeinander und nebeneinander geschichtet – eine ergreifende Atmosphäre zum Eintauchen. Und wenn es doch mal sein muss: Der Klangcharakter lässt sich in der dazuhörigen App per Equalizer anpassen – aber ohne dass dadurch die grundlegende Qualität verloren geht. Das wäre mit einem schlechten Kopfhörer so nicht möglich und spricht für die klangliche Vielseitigkeit des Sony WH-1000XM4.

Unterstützt werden die gängigen Bluetooth-Audio-Codecs SBC und AAC – dafür wurden aptX und aptX HD gestrichen, mit denen das Vorgängermodell noch punkten konnte. Eine fragwürdige Entscheidung, die aus meiner Sicht aber nicht zu sehr in Gewicht fällt. Die Klangqualität ist auch ohne die theoretisch höheren Daten mehr als gut genug und beim Videoschauen kann ich keinen Zeitversatz zwischen Bild und Ton wahrnehmen. Wenn man davon ausgeht, dass der Sony WH-1000XM4 wie alle Noise-Cancelling-Kopfhörer vor allem unterwegs genutzt wird, dann ist das ohnehin ein Szenario, bei dem feinste musikalische Details nicht die höchste Priorität einnehmen. Wer hier trotzdem keine Abstriche machen will, für den hat Sony seinen eigenen Codec LDAC für hochauflösende Musik (z.B. über Amazon Music HD) integriert. Dieser ist fester Bestandteil von Android (seit Version 8.0 Oreo) und somit auf den meisten aktuellen Handys problemlos nutzbar. Der Haken: Für LDAC muss die Option „Mit 2 Geräten gleichzeitig verbinden“ deaktiviert sein – ich persönlich will darauf aber nicht verzichten.

Das von Sony beworbene „360 Reality Audio“ habe ich mit einigen Songs ausprobiert. Das Feature verspricht „realen Sound“ wie im Konzertsaal. Für dieses objektbasierte 3D-Surround-Verfahren müssen Songs speziell encodiert sein – entsprechend klein ist (noch) die Auswahl. Zudem ist ein kostenpflichtiges Abonnement erforderlich (z.B. Tidal oder Deezer). Der Effekt ist je nach Aufnahme unterschiedlich zu bewerten: So klingt „Toxic“ von Britney Spears einfach nur hallig und verliert an Pep, während bei „Space Oddity“ von David Bowie durch die 3D-Tricks der psychedelische Charakter des Werks unterstrichen wird. Ebenso gelungen: Die 360-Reality-Audio Version von „Bitches Brew“ von Miles Davis.

Fünf Mikrofone, nur ein durchschnittliches Ergebnis: Der Klang beim Telefonieren (Headset-Funktion) ist brauchbar, aber kann sich trotz Sonys Versprechungen nicht klar von der Konkurrenz abheben. Immerhin wird Umgebungslärm beim Telefonieren wirkungsvoll unterdrückt. Bei mehreren Videokonferenzen bestätigten mir Teilnehmer, dass sie mich mit den Apple AirPods Pro eine Spur deutlicher und weniger dumpf vernehmen. Hier kann vielleicht ein zukünftiges Firmwareupdate eine Verbesserung bringen (bei uns installiert: version 2.0.6) – so ein moderner kabelloser Bluetooth-Kopfhörer besteht mittlerweile zu einem großen Teil aus Software, die sich vom Hersteller im Laufe der Zeit optimieren lässt.

Tragekomfort: Der Beweis, dass teurer auch besser ist

Im Vergleich zum Vorgänger hat Sony nur minimale, aber entscheidende Änderungen am Design vorgenommen – und das ist gut so. Der WH-1000XM4 sitzt so bequem, sodass man ihn mehrere Stunden am Stück tragen kann. Sony hat einen gewissen Entwicklungsaufwand in Bügel, Polster und Material und somit in den Tragekomfort gesteckt. Ich finde, das merkt man. Vielleicht nicht nach einer Viertelstunde, aber ganz sicher nach einer Woche. Der WH-1000XM4 ist in Sachen Komfort somit praktisch auf Augenhöhe mit dem Bose QuietComfort 35 II, den ich gerne mal einen kompletten Arbeitstag lang auflasse. Die zahlreichen Billig-Bügelkopfhörer, die bei Amazon in den Verkaufscharts zu finden sind – sie sehen zwar auf den ersten Blick so aus wie die beiden Modelle von Sony und Bose, aber sie sind nur selten so bequem. In der Langzeitnutzung zeigt sich deutlich, warum man für einen guten Kopfhörer ruhig ein paar Euro mehr ausgeben darf.

Hardware und Funktionen: Fast schon zu viel des Guten

Motorbrummen, Flugzeuglärm, Klimaanlagen, Tastaturgeklacker, Gespräche – der WH-1000XM4 drängt all das so wirkungsvoll in den Hintergrund, dass der Träger sich auf einer stillen Insel der Glückseligkeit wiederfindet. Bei meinen Testläufen draußen auf den Straßen und unter Studiobedingungen (Standlautsprecher simulieren unterschiedliche Lärmszenarien) war ich immer wieder erstaunt, dass der Sony WH-1000XM4 ein auffällig breites Spektrum an Umgebungslärm dämmen kann. Damit setzt er sich an die Spitze, was die Leistungsfähigkeit des Noise Cancelling angeht – wer es hauptsächlich auf einen Ruhestifter für die nächste Flugreise oder das Büro abgesehen hat, wird derzeit wahrscheinlich keinen besseren Kopfhörer finden.

Wir haben damals in einem Versuch mehrere ANC-Kopfhörer verglichen und das Noise Cancelling „hörbar“ gemacht:

Test: So leise ist Noise Cancelling

Die „adaptive Geräuschdämmung“ passt sich auf Wunsch automatisch der Umgebung an, sie erkennt gespeicherte Orte sowie bestimmte Situationen. Die Stärke des ANC reagiert entsprechend und lässt etwa Sprachansagen am Bahnhof durch. Ein nettes Feature – aus meiner Sicht aber nicht entscheidend, da mir das einfache Ein/Aus beim ANC völlig ausreicht. Die Akkulaufzeit (bis zu 30 Stunden bei aktiviertem ANC) ist sehr gut, ich komme mit einem Ladevorgang (USB-C) über eine ganze Woche bei moderater Nutzung. Bei der Bedienung setzt der WH-1000XM4 größtenteils auf Touch-Eingaben an den Hörmuscheln, was recht zuverlässig funktioniert. Ich persönlich bin eher ein Fan von echten Hardware-Buttons, das halte ich bei Kopfhörern noch immer für die beste Lösung.

Wenn der Vorgänger einen nervigen Nachteil hatte, dann war es wohl das fehlende Multipoint Bluetooth. Sony hat die Wünsche von Kunden und Fachpresse zum Glück erhört und den WH-1000XM4 mit Fähigkeit für Mehrfachverbindungen („Mehrfachkopplung“) ausgestattet. Der Wechsel zwischen zwei Abspielgeräten (z. B. Handy und Laptop) ist somit ohne Umweg über die Bluetooth-Menüs möglich. Ein entscheidender Pluspunkt, der den Alltag angenehmer macht.

Bei der Handy-Software („Headphones Connect für Android und iOS) darf Sony gerne noch nachbessern. Sie reagiert zuweilen träge und könnte insgesamt etwas übersichtlicher gestaltet sein. Die deutsche Übersetzung wirkt stellenweise komisch („Adaptive Geräuschsteuerung Wird befördert“).

Fast schon witzig: Beim Start begrüßt den Nutzer die Notification, man solle für die „bequeme Verwendung“ bitte die „Anleitung überprüfen“. Ein Tipp, der vielleicht albern wirken könnte, aber der diesmal tatsächlich befolgt werden sollte. Der (zu) große Funktionsumfang und die vielen Einstellungsoptionen erfordern etwas Lernzeit. Sony will wohl für jeden einen möglichst gut personalisierten Kopfhörer bieten – so ist man mehr oder weniger gezwungen, sich die App zu holen und erstmal eine Reihe von Punkten durchzugehen. Meine Konfiguration nach einigem Ausprobieren: Adaptive Geräuschsteuerung aus, ANC immer ein (Maximum), Speak-to-Chat aus, Priorität auf Klangqualität, Multipoint Bluetooth ein, Automatisch Ausschalten ein, Trageerkennung ein (pausiert beim Abnehmen).

Sony WH-1000XM4

Sony WH-1000XM4

Blick in die Zukunft: Wenn Sony bei einem Nachfolger des WH-1000XM4 noch etwas optimieren kann, dann sind das eigentlich nur der Produktname (z. B. „Sony WH5“) und eine Straffung der Feature-Vielfalt. Oder man erklärt den WH-1000XM4 für perfekt, denkt das Thema „Bügelkopfhörer“ nochmal komplett neu und revolutioniert so die ganze Produktgattung – bevor es ein anderer tut. Die Ingenieure der Konkurrenz sitzen bestimmt schon an ihren Reissbrettern und zerbrechen sich die Köpfe.

Noch mehr Kaufberatung auf GIGA:

Wertung

9.3/10
“Überragendes Noise Cancelling, toller Klang und viele nützliche Funktionen. Für Vielreisende ist der Sony WH-1000XM4 geradezu ein Pflichtkauf.”
Stefan Bubeck
Stefan Bubeck, GIGA-Experte für Consumer Electronics, insbesondere Audio.

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