Need for Speed Kritik: 5-Sterne-Dinner statt McDonalds

Robin Schweiger 12

Ich ging mit einer ordentliche Ladung Zynismus in die Pressevorführung von „Need for Speed“. Die ersten beiden Trailer versprachen einen bierernsten Film, der seinen Hauptdarsteller Aaron Paul („Breaking Bad“) zur neuen Action-Ikone neben Vin Diesel aufbauen will. Das wirkte erzwungen, unpassend und angesichts der Ausstrahlung Pauls mehr als ein Bisschen lächerlich. Schön also, dass der Film nichts mit seinen Trailern gemein hat.

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Die Geschichte von „Need for Speed“ ist genauso dünn, wie sie unwichtig ist.  Street Racer Tobey Marshall (Aaron Paul) wird ein Verbrechen angehängt, für das er nie verantwortlich war. Nachdem er seine Gefängnisstrafe abgesessen hat, verfolgt er nur noch ein Ziel: Rache.

Die Trailer möchten nun den Eindruck erwecken, Aaron Paul würde sich unnachgiebig mit böser Miene und Bibelversen um sich werfend auf die Jagd machen. Glücklicherweise nimmt sich „Need for Speed“ selbst jedoch oftmals nicht ernst, was sich angesichts der riesigen Plot-Holes als gute Entscheidung herausstellt. Exemplarisch dafür steht Benny (Scott Mescudi), der Tobey als Pilot immer wieder auf die absurdesten Arten zur Hilfe eilt und so schließlich sogar mit einem Militär-Hubschrauber durch die Gegend fliegt. Wie er daran gekommen ist wird nie erklärt, was sich wiederum zu einem eigenen Running Gag entwickelt.

Allgemein ist „Need for Speed“ sehr viel lustiger, als man das im Voraus hätte erwarten können. Wenn die Charaktere ernst miteinander reden, ist das aufgrund der dämlichen Dialoge oftmals eher peinlich, weshalb der selbstreferentielle Humor nur umso wichtiger wird.

Doch der Grund, wegen dem Kollege Mats und ich uns nach den ersten 10 Minuten ungläubig begeistert ansahen, ist natürlich ein anderer: Die Rennen und Verfolgungsjagden sind in „Need for Speed“ absolut hervorragend in Szene gesetzt. Während ein „Fast & Furious“ mit treibender Musik, schnellen Schnitten und unzähligen CGI-Effekten die Autos selbst kaum zum Zuge kommen lässt, geht „Need for Speed“ den entgegengesetzten Weg. In den zahlreichen Fahr-Szenen gibt es außer den großartig eingefangenen Motorgeräuschen meist keinerlei Musik, die Kamera bleibt ruhig auf dem Geschehen und lässt Autos und Fahrer ganz für sich sprechen.

Need for Speed Kritik: Bullit statt Fast & Furious

Während beim letzten Rennen, in dem sich unter anderem ein Bugatti Veyron und McLaren P1 gegenseitig den wunderschönen Lack zerkratzen, die Stuntfahrer ihr bestes geben, beweist Paul in einigen Szenen ganz ohne Stunt-Double, dass er hinter dem Steuer Einiges drauf hat.  Gelegentlich sehen wir die Rennen sogar wie in einem Videospiel aus der Cockpit-Perspektive, in der es sich dank des hervorragenden Sound-Designs so anfühlt, als würde man jede Bodenwelle selbst spüren.

„Fast & Furious“ wirkt im Vergleich wie billiges Fast Food, während „Need for Speed“ ein Fünf-Sterne-Menü präsentiert. Jeder Drift, jeder Bremsvorgang wird passend in Szene gesetzt, die Autos dürfen ganz ohne billige Neonröhren überzeugen. Wer jedoch einen geschichtlich überzeugenden Rache-Thriller erwartet, der die Moral seiner Helden in Frage stellt und am Ende mit einem großartigen Twist überrascht, der wird unweigerlich enttäuscht werden.  Gemeinsam mit dem wuchtigen Sound ist „Need for Speed“ aber nichtsdestotrotz ein Traum für jeden Auto-Fan.

Ein besonderes Lob verdienen sich die beiden Hauptdarsteller Aaron Paul und Imogen Poots, die nach „A Long Way Down“ bereits ein zweites Mal eine wunderbare Chemie entwickeln und allein mit ihrer Ausstrahlung die klischeehaften Dialoge wieder wett machen.

Wer zwei Stunden lang den Kopf ausschalten, wunderbar unterhalten und ein bisschen lachen möchte, ist mit „Need for Speed“ an der richtigen Adresse. Bereits im März haben wir damit bereits den ersten, tollen Sommer-Blockbuster der Saison.

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