Zwei Linsen, viele Ideen: Eine kurze Geschichte der Dual-Kamera-Smartphones

Frank Ritter 4

Ist ja gut, wir können uns jetzt alle mal wieder beruhigen: Das iPhone 7 ist also vorgestellt. Eines der – auch im Wortsinne – herausragenden Merkmale des größeren iPhone 7 Plus ist die Dual-Camera. „Zwei Kameras auf der Rückseite? Ist ja irre, das gabs ja noch nie“ raunt da der Laie, woraufhin der Experte ruft: „Du irrst! Gab’s ja durchaus schon.“ Werfen wir einen Blick in die mannigfaltige Geschichte der Doppellinsen-Smartphones.

Zwei Linsen, viele Ideen: Eine kurze Geschichte der Dual-Kamera-Smartphones

Der aktuelle Hype um VR hatte einen Vorläufer. Im Jahr 2011 kamen gleich drei Smartphones auf den Markt, die die Möglichkeit aufboten, Bilder in 3D zu betrachten: das HTC Evo 3D, das LG Optimus 3D und das etwas ungelenk benannte Aquos Phone SH80F von Sharp. Abgesehen von einigen wenigen angepassten Games gab es jedoch nicht viel Content für die Geräte. Daher entschlossen sich die drei Hersteller, ihren Geräten auch jeweils zwei Kameras zu spendieren, mit denen man stereoskopische Bilder und Videos aufzeichnen konnte. LG brachte mit dem Optimus Pad sogar ein Tablet heraus, das zwar kein 3D-Display besaß, aber zumindest zwei Rücken-Kameras zum Erstellen von 3D-Material.

Warum gibt es heute keine 3D-Smartphones mehr? Nun, so verblüffend der Effekt am Anfang war, so schnell nutzte er sich auch wieder ab. Schuld waren technische Einschränkungen: Sowohl Aufnahme als auch Wiedergabe von 3D-Content waren auf den Landscape-Modus beschränkt, und den nutzt man im Alltag bekanntermaßen eher selten. Außerdem litt die dargestellte Bildqualität, weil die 3D-Bilder in einer Art Halbzeilenmodus dargestellt wurden und mit den damals ohnehin schon niedrigen gängigen Auflösungen von 800 × 480 (LG) und 960 × 540 (HTC, Sharp) ziemlich grobkörnig aussahen.

Zudem wirkte der 3D-Effekt nur, wenn man frontal aufs Display blickte, und selbst dann waren die Bildschirme ziemlich dunkel. Google Cardboard und Oculus Rift gab es noch nicht; YouTube bot zwar 3D-Optionen für Videos an, aber die notwendige Hardware hatte auch kaum jemand. Kurzum: Weil man mit dem selbst aufgenommenen 3D-Content damals kaum mehr machen konnte als sie am eigenen 3D-Smartphone in, nun ja, mieser Qualität zu betrachten, starb mit dem 3D-Smartphone-Triumvirat von 2011 (und der beiden wenig beachteten Abkömmlinge „Max“ und „Cube“ des LG Optimus 3D 2012) auch das erste Konzept für Dual-Kameras in Smartphones.

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Gimmick als Hauptfeature: die Duo Camera von HTC

HTC-One-M8-Kameras

Erst 2014 wagte sich wieder jemand an eine Smartphone mit zweiter Rückkamera, erneut war das HTC und erneut versuchte man sich an einer Art 3D-Effekt. Mit der Duo-Camera im HTC One (M8) ging man aber einen etwas anderen Weg. Im Grunde war die zweite Kameralinse, die über der Hauptkamera angebracht war, nichts weiter als eine stinknormale 2-MP-Kamera. HTCs Trick war, mit beiden Kameras gleichzeitig das Motivbild aufzunehmen. Das Bild der Duo Camera wurde aber nicht etwa gespeichert – vielmehr analysierte die Software dank der seitlichen Verschiebung der sekundären Kamera die Unterschiede beider Bilder und errechnete daraus rudimentäre 3D-Informationen, die unsichtbar mit im Foto gespeichert wurden. Mit diesen um Tiefeninformationen angereicherten Fotos ließ sich sich allerhand Schabernack treiben: Ein Pseudo-3D-Wackeleffekt ließ sich zum Beispiel in HTCs Galerie-App anschauen, bestimmte Tiefenebenen in anderer Optik darstellen oder ein Tiefenunschärfeeffekt applizieren – und das alles, nachdem das Bild bereits aufgenommen war.

Auch wenn dieses Feature am Anfang durchaus Spaß bereitete und als Hauptargument für den Kauf des HTC One (M8) in der Werbung verwendet wurde, war der Nutzen auf lange Sicht doch zu begrenzt, die Qualität der Ergebnisse zu durchwachsen. HTC baute die Duo-Kamera zwar noch in einige Abkömmlinge und jüngere Geräte ein (One M8s, J Butterfly, Butterfly 2, Butterfly 3, One M9 Plus) – die „echten“ Nachfolger One M9 und HTC 10 bekamen aber wieder eine normale Rückkamera mit Einzelsensor spendiert.

Huawei brachte dann Ende 2014 eine weitere, zumindest teilweise vergleichbare Idee für Doppellinsen aufs Tapet. Im Honor 6+, einem Produkt, das in Europa unter der Tochterfirma Honor vermarktet wurde, waren zwei 8-MP-Linsen verbaut, die hier zum ersten Mal waagerecht angeordnet waren. Die Kombination aus einer f/2.0-Blende mit Autofokus und einem weiteren Sensor mit f/2.4-Blende und Fixfokus nebst eines speziell entwickelten DSP-Chips ermöglichte nicht nur nachträgliche Änderungen der Bildschärfeebenen wie im HTC One (M8) – streng genommen also einem in Software nachgestellten Bokeh-Effekt –, auch der Autofokus und die eigentliche Aufnahme gingen überraschend flott vonstatten. Huawei brüstete sich zudem mit besseren Lowlight-Aufnahmen, hier hatten trotzdem auch zum damaligen Zeitpunkt schon andere Smartphones mit Einzellinsen die Nase vorn. Cool: Durch die Kombination der beiden 8-MP-Linsen hatte das finale zusammengerechnete Foto eine Auflösung von 13 MP. Das Honor 6+ war die Vorhut, weitere Doppelkamera-Smartphones von Huawei sollten folgen.

Irres Konzept: Light L16

Light L16: The Light Story – Offizieller Clip.

Zwar ist die Light L16 kein Smartphone und auch nicht mit nur zwei Linsen ausgestattet, trotzdem passt das Produkt eines kalifornischen Startups, das im Oktober 2015 vorgestellt wurde und 2017 auf den Markt kommen soll, hier ganz gut rein. Das mit Android, einem 5-Zoll-Touchscreen und auf einem Snapdragon 820 laufende Gerät kombiniert ganze 16 Sensoren mit jeweils 13 MP Auflösung und Linsen unterschiedlicher Brennweite (5 × 28 mm, 5 × 70 mm, 6 × 150 mm entsprechend Kleinbild-Format) zu einem rauscharmen Bild mit bis zu 56 Megapixeln. Auch hier darf man dank ausgefuchster Software-Algorithmen noch nach der Aufnahme bestimmen, was scharf und was unscharf ist.

Schmal und breit: LG G5 und LG V20

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Anfang des Jahres auf dem MWC 2016 vorgestellt, bietet das LG G5 ebenfalls zwei Kameras auf der Rückseite, hier aber mit einem einfacheren Konzept: In der Kamera-App kann man auswählen, ob man lieber die „normale“ 16 MP-Kamera mit f/1.8-Blende verwendet oder eine 8-MP-Weitwinkelkamera mit f/2.4-Blende – simpel, aber cool. Mit dem kurz nach der IFA 2016 vorgestellten LG V20 übernehmen die Koreaner das Konzept ohne Änderungen auch für ihr aktuelles Flaggschiff.

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Huawei P9 und Honor 8

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Mit dem kurz nach dem LG G5 vorgestellten Huawei P9 versprach der chinesische Hersteller herausragende Kamera-Leistung, insbesondere weil man für das Konzept und die Feinabstimmung der Doppelkamera mit den Spezialisten von Leica zusammengearbeitet habe. Die Zusammenarbeit war wohl vorwiegend eine Marketingmaßnahme, die sich auf einige Farbfilter beschränkt; tolle Fotos macht das P9 trotzdem. Der Trick des P9 ist, dass ein RGB-Sensor der 12-MP-Kamera reguläre Aufnahmen anfertigt, der andere Sensor nimmt Schwarzweißfotos auf, ebenfalls in 12 MP. Das hat zwei Vorteile: Zum einen kann durch die leicht verschobenen Motive wieder einmal Tiefenunschärfe per Software simuliert werden. Zum zweiten ist das P9 so in der Lage, mehr Helligkeit aufzunehmen, weil vor dem Monochrom-Sensor weniger Linsen liegen müssen. Auf diese Weise arbeitet das P9 Kontraste in den Fotos besser heraus.

Von allen verfügbaren Smartphones mit Dual-Kamera bietet das P9 bislang das überzeugendste Konzept – zumindest was die bereits verfügbaren Geräte angeht. Nur folgerichtig, dass Huawei es für das Honor 8 im Sommer dieses Jahres gleich mit übernahm – abzüglich der Leica-Spielereien.

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iPhone 7 Plus: Gute Ideen, verfeinert

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Und nun also ist das iPhone 7 Plus angekündigt, das seine Dual-Kamera in einem erstaunlichen Buckel auf der Rückseite unterbringen muss. Zur Qualität können wir ohne eigenes Testmuster noch nicht viel sagen, aber es steht angesichts der Geschichte der iPhones und Apples Anspruch kaum zu bezweifeln, dass die Kamera der iPhones im 9. Jahr nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinn wieder hervorragend sein werden.

Die Doppelkameras auf dem iPhone-7-Plus-Rücken lösen jeweils mit 12 MP auf, haben aber unterschiedliche Blenden und Brennweiten (f/1.8 und 28 mm sowie f/2.8 und 56 mm). Damit fungiert die Sekundärkamera als Teleobjektiv und damit praktisch als zweifacher optischer Zoom. In der Kamera-App kann man durch bloßes Zoomen stufenlos zwischen beiden Modi hin- und herwechseln. Auch Apple will einen Algorithmus entwickeln, mit dem man aus Bildern beider Kameras eine 3D-Map erstellen und Tiefenunschärfe in ein Motiv hineinrechnen kann – dieser soll bis Ende des Jahres nachgereicht werden.

Fazit: Dual-Kameras haben ihre besten Jahre noch vor sich

Nach Jahren der Experimente scheinen sich Dual-Kameras langsam in der Smartphone-Oberklasse zu etablieren, das iPhone 7 Plus ist da nur ein weiterer Stein im Mosaik. Dafür musste die Branche zwar erst ein tragfähiges Konzept suchen, ein solches scheint jetzt aber gefunden: Mehr Komfort beim Fotografieren und bessere Bildqualität. Tja, wer hätte damit rechnen können?

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